Recruiting & Personalgewinnung

288.000 pro Jahr: Warum an Zuwanderung in der Pflege kein Weg vorbeiführt

Ohne Zuwanderung schrumpft das Erwerbspersonenpotenzial dramatisch – die Bertelsmann Stiftung beziffert den Bedarf auf 288.000 Menschen pro Jahr bis 2040. Was diese volkswirtschaftliche Zahl für die strategische Personalplanung von Pflegeträgern bedeutet.

13. Juli 2026 9 Min. Lesezeitvon Giovanni Bruno

Auf den Punkt

Die Bertelsmann Stiftung hat in ihrer Studie "Zuwanderung und Arbeitsmarkt" (Kubis/Schneider 2024) berechnet: Ohne Zuwanderung sinkt die Zahl der Arbeitskräfte in Deutschland von 46,4 Millionen (heute) auf 41,9 Millionen bis 2040 und weiter auf 35,1 Millionen bis 2060. Um das Erwerbspersonenpotenzial zu stabilisieren, braucht Deutschland eine Nettozuwanderung von rund 288.000 Menschen pro Jahr bis 2040. Für die Pflege – eine der personalintensivsten Branchen überhaupt – heißt das: Internationale Kräfte sind keine Option, sondern eine Grundvoraussetzung der Personalplanung.

Für Leitung & Geschäftsführung

  • Der Fachkräftemangel in der Pflege wird oft als Branchenproblem diskutiert – tatsächlich ist er Teil einer viel größeren demografischen Verschiebung.
  • Wer die volkswirtschaftliche Dimension kennt, plant sein Personalmarketing anders: nicht als kurzfristige Lückenfüllung, sondern als langfristige, strukturelle Aufgabe.
  • Wir ordnen die Bertelsmann-Zahlen ein und zeigen, welche Konsequenz sie für Träger der Pflege- und Sozialwirtschaft haben.

Die Zahl, die den Rahmen setzt: 288.000 pro Jahr

Die Bertelsmann Stiftung hat gemeinsam mit dem Arbeitsmarktforscher Alexander Kubis (IAB) und Lutz Schneider (Hochschule Coburg) berechnet, wie viel Zuwanderung Deutschland braucht, um sein Erwerbspersonenpotenzial stabil zu halten. Das Ergebnis: eine Nettozuwanderung von rund 288.000 Menschen pro Jahr im Zeitraum bis 2040.

Diese Zahl ist keine politische Forderung, sondern eine demografische Rechnung. Sie ergibt sich aus dem Verhältnis von Menschen, die in den Ruhestand gehen, zu denen, die neu ins Erwerbsleben eintreten. Da die geburtenstarken Jahrgänge nun in Rente gehen und die nachrückenden Jahrgänge kleiner sind, entsteht eine Lücke, die aus dem Inland allein nicht zu schließen ist.

Für den Zeitraum danach – 2041 bis 2060 – errechnet die Studie einen weiterhin hohen Bedarf von rund 275.000 Menschen pro Jahr. Der Zuwanderungsbedarf ist also kein vorübergehendes Phänomen, sondern eine Konstante der nächsten Jahrzehnte.

Was ohne Zuwanderung passiert

Die eindrücklichste Zahl der Studie ist die Gegenrechnung: Bliebe die Zuwanderung aus, sänke die Zahl der Arbeitskräfte in Deutschland von heute 46,4 Millionen auf 41,9 Millionen im Jahr 2040 – und weiter auf nur noch 35,1 Millionen im Jahr 2060.

Das ist ein Rückgang von rund einem Fünftel innerhalb einer Generation. Für eine Volkswirtschaft, deren Wohlstand auf Arbeit beruht, wäre das ein tiefer Einschnitt. Und für personalintensive Bereiche wie die Pflege, die ohnehin schon unter Besetzungsdruck stehen, träfe es besonders hart.

Wichtig zur Einordnung: Diese Zahlen betreffen den gesamten Arbeitsmarkt, nicht allein die Pflege. Genau das macht sie für Träger so relevant – der Wettbewerb um jede zuwandernde Arbeitskraft findet über alle Branchen hinweg statt. Die Pflege konkurriert nicht nur mit anderen Pflegeeinrichtungen, sondern mit der gesamten Wirtschaft um dieselben Menschen.

fokusKI · Ohne Zuwanderung schrumpfen die Arbeitskräfte deutlich
heute46,4 Mio
204041,9 Mio
206035,1 Mio

Arbeitskräfte in Millionen

Bertelsmann Stiftung, "Zuwanderung und Arbeitsmarkt" (Kubis/Schneider 2024), S. 53 · Arbeitskräfte in Deutschland ohne Nettozuwanderung

Warum die Pflege besonders betroffen ist

Die Pflege ist personalintensiv wie kaum eine andere Branche – Versorgung lässt sich nicht automatisieren oder ins Ausland verlagern. Gleichzeitig steigt die Nachfrage: Der BARMER Pflegereport 2025 zeigt, dass die Zahl der Pflegebedürftigen zwischen Ende 2017 und Ende 2023 von 3,43 auf 5,69 Millionen gestiegen ist.

Steigende Nachfrage bei gleichzeitig schrumpfendem heimischem Arbeitskräftepotenzial – das ist die Zange, in der die Pflege steckt. Ohne internationale Kräfte ist der wachsende Bedarf schlicht nicht zu decken. Das ist keine Meinung, sondern eine Folge der beiden Zahlenreihen, wenn man sie nebeneinanderlegt.

Für Träger bedeutet das eine strategische Verschiebung: Die Gewinnung internationaler Pflegekräfte ist keine Ausnahme mehr für Engpasssituationen, sondern muss fester Bestandteil der langfristigen Personalstrategie werden.

Von der Zahl zur Strategie: Was Träger daraus ableiten

Wer die volkswirtschaftliche Dimension verstanden hat, trifft andere Entscheidungen. Drei Konsequenzen sind besonders wichtig.

Erstens: Internationale Personalgewinnung gehört in die Regelplanung, nicht in die Notfallschublade. Wer erst anwirbt, wenn eine Stelle akut unbesetzt ist, kommt zu spät – Anerkennungsverfahren und Integration brauchen Monate.

Zweitens: Der Arbeitgeberauftritt muss international lesbar werden. Eine Karriereseite, die nur auf Deutsch und nur für den heimischen Markt gedacht ist, erreicht einen wachsenden Teil der Zielgruppe nicht mehr.

Drittens: Bindung wird zum entscheidenden Faktor. Wer international gewonnene Kräfte nach der teuren Anwerbung wieder verliert, verdoppelt seinen Aufwand. Die Investition in Integration und ein gutes Ankommen zahlt sich doppelt aus.

ZeitraumNettozuwanderung pro JahrZiel
bis 2040rund 288.000 MenschenErwerbspersonenpotenzial stabil halten
2041 bis 2060rund 275.000 MenschenSchrumpfung weiter abfedern
Zuwanderungsbedarf laut Bertelsmann Stiftung

Die operative Seite: hier wird es konkret

Die volkswirtschaftliche Zahl beantwortet das Warum. Das Wie – Anerkennung der Abschlüsse, Visa-Wege, das WHO-Anwerbeverbot für bestimmte Länder und die Frage, was Träger rechtlich dürfen – ist ein Thema für sich, das wir in einem eigenen Beitrag ausführlich behandeln.

Wichtig ist, beide Ebenen zusammenzudenken: Die strategische Einsicht (Zuwanderung ist unvermeidbar) und die operative Umsetzung (wie gewinne und integriere ich konkret) gehören zusammen. Der Fehler vieler Träger ist, nur die operative Seite zu sehen und die strategische Dringlichkeit zu unterschätzen – oder umgekehrt die Notwendigkeit zu erkennen, aber an der Umsetzung zu scheitern.

EbeneFrageWo behandelt
Strategisch (dieser Beitrag)Warum ist Zuwanderung unvermeidbar?volkswirtschaftliche Einordnung
OperativWie gewinne und integriere ich konkret?Beitrag zu internationalen Pflegekräften
Zwei Ebenen der internationalen Personalgewinnung

Warum Sichtbarkeit über den Erfolg entscheidet

Wenn die gesamte Wirtschaft um dieselben Menschen konkurriert, entscheidet die Sichtbarkeit des Arbeitgebers. Internationale Fachkräfte und ihre Vermittler recherchieren online – und ein Träger, der digital nicht auffindbar oder nicht überzeugend präsent ist, fällt aus der Auswahl heraus, bevor das erste Gespräch stattfindet.

Das betrifft die auffindbare, verständliche Karriereseite ebenso wie das Google-Unternehmensprofil und die Reputation in Bewertungsportalen. Wer international gewinnen will, muss dort sichtbar und glaubwürdig sein, wo die Zielgruppe sucht. Die demografische Rechnung macht diese Sichtbarkeit nicht zu einem Nice-to-have, sondern zu einer Voraussetzung des Überlebens im Personalwettbewerb.

Was Träger jetzt tun sollten

Die Bertelsmann-Zahlen sind ein Weckruf, aber kein Grund zur Resignation. Sie zeigen einen klaren Handlungsrahmen: Wer früh und strukturiert handelt, sichert sich die knappen Kräfte, bevor der Wettbewerb nachzieht.

Der entscheidende Perspektivwechsel ist, internationale Personalgewinnung nicht als Belastung, sondern als strategischen Vorteil zu begreifen. Träger, die glaubwürdig international auftreten, gut integrieren und langfristig binden, gewinnen in einem Markt, der für alle enger wird. Die demografische Rechnung gilt für jeden – den Unterschied macht, wer früher und besser darauf reagiert.

Weiterführende Quellen

Häufige Fragen

Woher stammt die Zahl von 288.000?

Sie stammt aus der Studie "Zuwanderung und Arbeitsmarkt" der Bertelsmann Stiftung, erstellt von Alexander Kubis (IAB) und Lutz Schneider (Hochschule Coburg, 2024). Es ist die jährliche Nettozuwanderung, die nötig ist, um das Erwerbspersonenpotenzial bis 2040 stabil zu halten. Für 2041 bis 2060 nennt die Studie rund 275.000 pro Jahr.

Gilt diese Zahl speziell für die Pflege?

Nein, die 288.000 beziehen sich auf den gesamten deutschen Arbeitsmarkt. Genau das macht sie für die Pflege so bedeutsam: Der Wettbewerb um zuwandernde Arbeitskräfte findet über alle Branchen statt. Die Pflege konkurriert nicht nur mit anderen Einrichtungen, sondern mit der gesamten Wirtschaft um dieselben Menschen.

Was passiert ohne Zuwanderung?

Laut der Studie würde die Zahl der Arbeitskräfte in Deutschland ohne Zuwanderung von 46,4 Millionen auf 41,9 Millionen im Jahr 2040 und weiter auf 35,1 Millionen im Jahr 2060 sinken – ein Rückgang von rund einem Fünftel. Für personalintensive Bereiche wie die Pflege wäre das besonders einschneidend.

Wie gewinnt man konkret internationale Pflegekräfte?

Das ist die operative Seite – von der Anerkennung ausländischer Abschlüsse über Visa-Wege bis zum WHO-Anwerbeverbot für bestimmte Länder. Diese praktischen Fragen behandeln wir in einem eigenen Beitrag zur Gewinnung internationaler Pflegekräfte. Dieser Beitrag liefert die strategische Begründung, warum das Thema unvermeidbar ist.

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