Arbeitgebermarke & Employer Branding

2,12 Millionen mehr in sechs Jahren: Was hinter dem Anstieg der Pflegebedürftigen steckt

Die Zahl der Pflegebedürftigen ist zwischen 2017 und 2023 um 2,12 Millionen gestiegen. Das Überraschende: Nur ein kleiner Teil davon ist demografisch bedingt. Was der BARMER Pflegereport 2025 zeigt – und was das für die Personalstrategie bedeutet.

13. Juli 2026 9 Min. Lesezeitvon Giovanni Bruno

Auf den Punkt

Zwischen Ende 2017 und Ende 2023 ist die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland von 3,43 auf 5,69 Millionen gestiegen – ein Zuwachs von 2,12 Millionen Menschen in nur sechs Jahren. Der BARMER Pflegereport 2025 zeigt dabei einen überraschenden Befund: Von der gesamten Zunahme der Pflegeprävalenz um 3,03 Prozentpunkte (2015–2023) sind nur 0,44 Prozentpunkte demografisch bedingt. Der weit größere Teil hat andere, vielschichtige Ursachen. Für Träger heißt das: Der Personalbedarf wächst schneller und unberechenbarer, als es die reine Alterung der Gesellschaft erwarten ließe.

Für Leitung & Geschäftsführung

  • Wer den Personalbedarf der Zukunft planen will, muss verstehen, warum die Nachfrage nach Pflege steigt.
  • Die naheliegende Erklärung – dass die Gesellschaft altert – greift zu kurz und führt zu falschen Annahmen über das Tempo.
  • Wir ordnen die Zahlen des BARMER Pflegereports 2025 ein und zeigen, was sie für die strategische Personalplanung bedeuten.

Die Zahl: 2,12 Millionen mehr in sechs Jahren

Der BARMER Pflegereport 2025 dokumentiert einen dramatischen Anstieg: Ende 2017 galten in Deutschland 3,43 Millionen Menschen als pflegebedürftig, Ende 2023 waren es 5,69 Millionen. Das ist ein Zuwachs von 2,12 Millionen Menschen – in nur sechs Jahren.

Um die Größenordnung einzuordnen: Das entspricht in etwa der Einwohnerzahl einer Großstadt wie Hamburg, die innerhalb weniger Jahre zusätzlich pflegebedürftig geworden ist. Jeder dieser Menschen braucht Versorgung – und damit Personal.

Für die Pflege- und Sozialwirtschaft ist diese Zahl die Grundlage jeder Planung. Sie beschreibt nicht die ferne Zukunft, sondern eine bereits eingetretene Entwicklung. Der Bedarf ist schon da.

StichtagPflegebedürftigeVeränderung
Ende 20173,43 MillionenAusgangspunkt
Ende 20235,69 Millionen+ 2,12 Millionen
Pflegebedürftige in Deutschland – der Sprung in sechs Jahren

Der überraschende Befund: Es liegt nicht nur an der Demografie

Die intuitive Erklärung für den Anstieg lautet: Die Gesellschaft altert, also gibt es mehr Pflegebedürftige. Das stimmt – aber nur zu einem kleinen Teil.

Der BARMER Pflegereport 2025 rechnet vor: Von der gesamten Zunahme der Pflegeprävalenz um 3,03 Prozentpunkte zwischen 2015 und 2023 sind lediglich 0,44 Prozentpunkte demografisch bedingt. Der demografische Wandel erklärt also nur etwa ein Siebtel des Anstiegs.

Das ist ein wichtiger Befund, denn er verändert die Erwartung an das Tempo. Wer davon ausgeht, dass die Nachfrage im gleichmäßigen Takt der Alterung wächst, unterschätzt die Dynamik. Der weit größere Teil des Anstiegs kommt aus anderen Quellen.

fokusKI · Der Anstieg ist nur zu einem kleinen Teil demografisch
Gesamter Anstieg der Prävalenz3,03 Pp
davon demografisch bedingt0,44 Pp

Prozentpunkte

BARMER Pflegereport 2025 (Rothgang et al., bifg), S. 8 · Zunahme der Pflegeprävalenz 2015–2023 in Prozentpunkten

Woher der Rest kommt – und warum niemand es genau weiß

Was erklärt die übrigen rund sechs Siebtel? Der Report ist an diesem Punkt bewusst vorsichtig. Er hält fest, dass die Ursachen für die steigende Pflegeprävalenz vielschichtig sind und sich nicht bis ins Detail identifizieren lassen.

Diskutiert werden Faktoren wie die Ausweitung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs durch die Pflegestärkungsgesetze, eine höhere Inanspruchnahme von Leistungen und ein verändertes Antragsverhalten. Aber der Report macht keine falschen Versprechen über die genaue Gewichtung – und das sollte auch niemand tun, der die Zahlen seriös nutzt.

Für die Personalplanung ist gerade diese Unschärfe die eigentliche Botschaft: Wenn die Treiber des Anstiegs nicht vollständig bekannt und nicht rein demografisch sind, lässt sich die künftige Nachfrage nicht einfach aus der Alterspyramide ableiten. Planung muss mit dieser Unsicherheit umgehen.

Was das für den Personalbedarf bedeutet

Steigende Zahlen von Pflegebedürftigen bedeuten unmittelbar steigenden Personalbedarf. Anders als in vielen Branchen lässt sich Pflege nicht durch Produktivitätssprünge oder Automatisierung auffangen – Versorgung ist Arbeit an und mit Menschen.

Trifft dieser wachsende Bedarf auf ein schrumpfendes Arbeitskräftepotenzial, entsteht die zentrale Herausforderung der Branche. Der BARMER-Befund verschärft das Bild: Weil der Anstieg schneller läuft als die reine Demografie, kann sich der Personalbedarf auch schneller aufbauen als erwartet.

Für Träger heißt das konkret: Personalgewinnung ist keine Aufgabe, die man später angehen kann, wenn die Alterswelle voll durchschlägt. Der Bedarf ist bereits da und wächst dynamisch. Wer erst reagiert, wenn die Lücke sichtbar wird, ist strukturell im Nachteil.

Von der Diagnose zur Strategie

Die Zahlen sind kein Grund zur Resignation, sondern eine präzise Handlungsgrundlage. Sie sagen: Der Personalbedarf ist groß, real und wächst – und er wächst nicht im bequem planbaren Takt der Demografie, sondern dynamischer.

Daraus folgt ein klarer Auftrag für die Arbeitgebermarke: kontinuierlich sichtbar und attraktiv sein, statt in Wellen zu rekrutieren. Ein Träger, der dauerhaft als guter Arbeitgeber wahrgenommen wird, gewinnt auch dann Personal, wenn der Bedarf unerwartet schnell steigt.

Der Perspektivwechsel ist entscheidend: weg vom reaktiven Stellenbesetzen hin zu einer stabilen, glaubwürdigen Arbeitgeberpositionierung, die trägt, bevor die nächste Bedarfswelle kommt.

AnnahmeFolgeBewertung
Bedarf wächst im Takt der Demografiespäter reagieren reichtunterschätzt das Tempo
Bedarf wächst dynamischer als die Demografiefrüh und kontinuierlich handelnentspricht den Daten
Zwei Denkweisen der Personalplanung

Warum die Arbeitgebermarke jetzt zählt

Wenn der Bedarf schneller steigt als erwartet und der Wettbewerb um Personal härter wird, entscheidet die Wahrnehmung als Arbeitgeber über den Erfolg. Menschen bewerben sich dort, wo sie einen guten Arbeitgeber vermuten – und diese Vermutung entsteht lange vor der konkreten Stellensuche.

Eine glaubwürdige Arbeitgebermarke ist deshalb kein Marketing-Beiwerk, sondern die Grundlage, um im wachsenden Wettbewerb überhaupt sichtbar zu sein. Sie wirkt vorausschauend: Wer heute als attraktiver Arbeitgeber bekannt ist, hat morgen die Bewerbungen, wenn der Bedarf steigt.

Das ist die eigentliche Lehre aus den BARMER-Zahlen: Nicht die einzelne Stellenanzeige entscheidet, sondern die dauerhafte Position im Markt. Der Bedarf kommt – die Frage ist, wer dann als Arbeitgeber der ersten Wahl gilt.

Was Träger jetzt tun sollten

Die Konsequenz aus den Zahlen ist eindeutig: Arbeitgeberpositionierung gehört an den Anfang der Personalstrategie, nicht ans Ende. Wer wartet, bis der Bedarf akut wird, konkurriert mit allen anderen um dieselben wenigen Kräfte – ohne Vorsprung.

Konkret bedeutet das, kontinuierlich in die eigene Sichtbarkeit und Attraktivität zu investieren: eine überzeugende Arbeitgeberdarstellung, eine gute Karriereseite und eine gepflegte Reputation. Diese Grundlagen wachsen nicht über Nacht – deshalb ist der beste Zeitpunkt, sie aufzubauen, jetzt.

Die Träger, die die Dynamik hinter den Zahlen verstehen, handeln früher. Und wer früher eine starke Arbeitgebermarke aufbaut, gewinnt die knappen Kräfte, bevor der Wettbewerb überhaupt merkt, wie schnell der Bedarf gestiegen ist.

Weiterführende Quellen

Häufige Fragen

Wie viele Pflegebedürftige gibt es in Deutschland?

Laut BARMER Pflegereport 2025 waren Ende 2023 insgesamt 5,69 Millionen Menschen pflegebedürftig – gegenüber 3,43 Millionen Ende 2017. Das ist ein Anstieg von 2,12 Millionen in sechs Jahren.

Ist der Anstieg der Pflegebedürftigen nur eine Folge der Alterung?

Nein, und das ist der überraschende Befund. Von der Zunahme der Pflegeprävalenz um 3,03 Prozentpunkte (2015–2023) sind laut BARMER Pflegereport 2025 nur 0,44 Prozentpunkte demografisch bedingt – etwa ein Siebtel. Der größere Teil hat andere, vielschichtige Ursachen.

Was sind die anderen Ursachen für den Anstieg?

Der Report ist hier bewusst vorsichtig: Die Ursachen seien vielschichtig und nicht bis ins Detail identifizierbar. Diskutiert werden unter anderem die Ausweitung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs durch die Pflegestärkungsgesetze und eine höhere Inanspruchnahme von Leistungen. Eine genaue Gewichtung nennt der Report bewusst nicht.

Was bedeutet das für die Personalplanung?

Weil der Bedarf schneller wächst als die reine Demografie und die Treiber nicht vollständig planbar sind, lässt sich die künftige Nachfrage nicht einfach aus der Alterspyramide ableiten. Träger sollten kontinuierlich in Personalgewinnung und Arbeitgebermarke investieren, statt in Wellen zu reagieren.

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