Recruiting & Personalgewinnung

Warum der Kostendruck in der Pflege jede Fehlbesetzung teuer macht

Die Pflegeversicherung deckt nur 71 Prozent der Kosten, die Eigenanteile steigen bis 2027 auf rund 3.500 Euro im Monat. Der BARMER Pflegereport zeigt, wie eng der finanzielle Rahmen ist – und warum das jede Personalentscheidung zur wirtschaftlichen Frage macht.

13. Juli 2026 9 Min. Lesezeitvon Giovanni Bruno

Auf den Punkt

Der finanzielle Rahmen der Pflege wird immer enger: Die soziale Pflegeversicherung deckt nur rund 71 Prozent der entstehenden Pflegekosten, den Rest tragen die Pflegebedürftigen selbst. Die Eigenanteile im ersten Jahr der Heimpflege liegen laut BARMER Pflegereport 2025 bereits bei über 3.100 Euro im Monat und steigen bis 2027 auf rund 3.500 Euro. Gleichzeitig sind die Ausgaben für vollstationäre Dauerpflege 2024 auf 19,27 Milliarden Euro gestiegen. Für Träger bedeutet dieser Druck: Jede unbesetzte Stelle und jede Fehlbesetzung ist nicht nur ein Personal-, sondern ein handfestes wirtschaftliches Problem.

Für Leitung & Geschäftsführung

  • Über Personalgewinnung wird oft gesprochen, als sei sie eine reine HR-Aufgabe. Tatsächlich ist sie in der Pflege längst eine wirtschaftliche.
  • Wer den finanziellen Rahmen kennt, versteht, warum Effizienz im Recruiting kein Luxus ist, sondern eine Frage der Tragfähigkeit.
  • Wir ordnen die Finanzzahlen aus dem BARMER Pflegereport ein und zeigen, was der Kostendruck für die Personalstrategie bedeutet.

Die Deckungslücke: Nur 71 Prozent der Kosten sind abgedeckt

Die soziale Pflegeversicherung war nie als Vollversicherung gedacht, sondern als Teilabsicherung. Der BARMER Pflegereport 2024 macht das Ausmaß konkret: Die Pflegeversicherung deckt nur rund 71 Prozent der tatsächlich entstehenden Pflegekosten. Die verbleibenden knapp 30 Prozent tragen die Pflegebedürftigen und ihre Familien selbst.

Diese Lücke ist kein Randphänomen, sondern der finanzielle Kern des Systems. Sie wächst mit steigenden Kosten – und sie wirkt sich direkt auf die wirtschaftliche Situation von Einrichtungen und Bewohnern aus.

Für Träger heißt das: Sie bewegen sich in einem System, in dem die öffentliche Finanzierung strukturell hinter den realen Kosten zurückbleibt. Jede Ausgabe muss sich in diesem engen Rahmen rechnen.

fokusKI · Die Pflegeversicherung deckt nur einen Teil der Kosten
durch die Pflegeversicherung gedeckt71 %
von Pflegebedürftigen selbst getragen29 %

Anteil an den Pflegekosten in Prozent

BARMER Pflegereport 2024 (Rothgang et al.), S. 116 · Kostendeckung durch die soziale Pflegeversicherung

Die Eigenanteile: über 3.100 Euro und weiter steigend

Was die Deckungslücke für die Betroffenen bedeutet, zeigt der Eigenanteil in der Heimpflege. Laut BARMER Pflegereport 2025 liegt der durchschnittliche Gesamteigenanteil für Heimbewohnende im ersten Jahr bereits bei über 3.100 Euro im Monat – und steigt bis zum Jahr 2027 auf rund 3.500 Euro.

Das ist ein Betrag, der für viele Menschen weit jenseits der eigenen Möglichkeiten liegt. Die finanzielle Belastung der Pflegebedürftigen wächst damit spürbar, und der Kostendruck im System steigt weiter.

Für Einrichtungen bedeutet das eine doppelte Herausforderung: Sie müssen wirtschaftlich arbeiten und zugleich Preise anbieten, die für die Bewohner tragbar bleiben. Der Spielraum dazwischen ist eng.

Die Größenordnung: 19,27 Milliarden Euro für vollstationäre Pflege

Wie stark die Kosten insgesamt steigen, zeigt der Blick auf die Ausgaben. Die Ausgaben der Pflegeversicherung für vollstationäre Dauerpflege lagen 2024 bei 19,27 Milliarden Euro – ein deutlicher Anstieg gegenüber den Vorjahren.

Gleichzeitig sind die Beitragseinnahmen der sozialen Pflegeversicherung zwischen 2017 und 2024 von 36,04 auf 65,37 Milliarden Euro gestiegen. Die Einnahmen wachsen also – aber die Ausgaben und der Bedarf wachsen mit, und die Deckungslücke bleibt.

Diese Zahlen beschreiben ein System unter Druck: Mehr Geld fließt hinein, mehr Geld fließt heraus, und die strukturelle Lücke zwischen abgedeckten und tatsächlichen Kosten bleibt bestehen. In diesem Umfeld muss jeder Träger wirtschaften.

KennzahlWertQuelle
Kostendeckung durch die Pflegeversicherungrund 71 %BARMER 2024
Eigenanteil Heim, 1. Jahr (heute)über 3.100 € / MonatBARMER 2025
Eigenanteil Heim, 1. Jahr (2027)rund 3.500 € / MonatBARMER 2025
Ausgaben vollstationäre Dauerpflege 202419,27 Mrd €BARMER 2025
Der finanzielle Rahmen der Pflege in Zahlen

Warum das jede Personalentscheidung betrifft

Personal ist der größte Kostenblock in der Pflege – und zugleich die Voraussetzung dafür, dass eine Einrichtung überhaupt arbeiten kann. Genau hier verbinden sich Finanzdruck und Personalfrage.

Eine unbesetzte Stelle bedeutet nicht nur fehlende Hände, sondern oft auch, dass Plätze nicht belegt werden können oder teure Zeitarbeit einspringen muss. Beides schlägt unmittelbar auf die Wirtschaftlichkeit durch.

Und eine Fehlbesetzung ist doppelt teuer: Kosten für Gewinnung und Einarbeitung sind verloren, wenn die Person schnell wieder geht – und die Stelle muss erneut besetzt werden. In einem System mit enger Marge kann sich kaum ein Träger solche Verluste leisten.

Effizientes Recruiting ist Wirtschaftlichkeit

Aus dem Kostendruck folgt ein klarer Schluss: Effizienz in der Personalgewinnung ist kein Marketing-Luxus, sondern ein Beitrag zur wirtschaftlichen Tragfähigkeit. Jeder Euro, der in unwirksame Kanäle fließt, fehlt an anderer Stelle.

Das bedeutet, die Personalgewinnung messbar und zielgenau aufzustellen: die richtigen Zielgruppen ansprechen, über die wirksamsten Kanäle sichtbar sein und den Erfolg der Maßnahmen nachvollziehen können. Wer nicht misst, verbrennt Budget im Blindflug.

Gerade bei knappen Mitteln zahlt sich eine durchdachte, datengestützte Personalgewinnung aus: Sie besetzt Stellen schneller, senkt die Abhängigkeit von teurer Zeitarbeit und vermeidet die doppelten Kosten von Fehlbesetzungen.

SituationWirtschaftliche FolgeGegenmittel
unbesetzte StellePlätze nicht belegbar, teure Zeitarbeitkontinuierliche Sichtbarkeit
FehlbesetzungGewinnungs- und Einarbeitungskosten verlorenehrliche, klare Ansprache
Budget im BlindflugGeld in unwirksamen Kanälenmessbare Personalgewinnung
Was Personalentscheidungen wirtschaftlich bedeuten

Wie sich Vakanzen und Fehlbesetzungen vermeiden lassen

Der wirksamste Hebel gegen die Kosten unbesetzter Stellen ist, Vakanzen erst gar nicht lange entstehen zu lassen. Das gelingt mit kontinuierlicher Sichtbarkeit als Arbeitgeber statt reaktivem Rekrutieren im Notfall.

Gegen Fehlbesetzungen hilft eine ehrliche, klare Ansprache: Wer im Recruiting realistisch zeigt, wie die Arbeit und die Einrichtung wirklich sind, gewinnt Menschen, die bleiben. Geschönte Versprechen führen zu schneller Fluktuation – und damit zu genau den doppelten Kosten, die man vermeiden will.

Beides – schnelle Besetzung und passgenaue Auswahl – spart am Ende Geld. In einem System, in dem 71 Prozent Deckung die Regel sind, ist das kein Nebenaspekt, sondern Teil der wirtschaftlichen Steuerung.

Was Träger jetzt tun sollten

Der Kostendruck ist real und wird nicht nachlassen. Die Konsequenz ist nicht, an der Personalgewinnung zu sparen – das wäre der teuerste Fehler –, sondern sie klüger und effizienter zu gestalten.

Konkret heißt das: die eigene Personalgewinnung auf Wirksamkeit prüfen, Budget dorthin lenken, wo es messbar Bewerbungen bringt, und Vakanzen sowie Fehlbesetzungen aktiv vermeiden. Jede vermiedene Fehlbesetzung ist gespartes Geld, das im engen System dringend gebraucht wird.

Träger, die Personalgewinnung als wirtschaftliche Steuerungsaufgabe begreifen, kommen durch den Kostendruck besser hindurch als solche, die sie als reine HR-Pflichtübung behandeln. In der Pflege ist gutes Recruiting am Ende auch gutes Wirtschaften.

Weiterführende Quellen

  • BARMER Pflegereport 2024 (Rothgang et al.)Primärquelle: Die soziale Pflegeversicherung deckt nur rund 71 Prozent der entstehenden Pflegekosten ab (S. 116).
  • BARMER Pflegereport 2025 (Rothgang et al., bifg)Primärquelle: Eigenanteile Heimpflege 1. Jahr über 3.100 Euro, bis 2027 rund 3.500 Euro (S. 10, 30); Ausgaben vollstationäre Dauerpflege 2024 bei 19,27 Milliarden Euro (S. 16, 119); Beitragseinnahmen 2017–2024 von 36,04 auf 65,37 Milliarden Euro (S. 16, 120).

Häufige Fragen

Wie viel der Pflegekosten deckt die Pflegeversicherung?

Laut BARMER Pflegereport 2024 deckt die soziale Pflegeversicherung nur rund 71 Prozent der tatsächlich entstehenden Pflegekosten ab. Die verbleibenden knapp 30 Prozent tragen die Pflegebedürftigen und ihre Familien als Eigenanteil selbst.

Wie hoch ist der Eigenanteil im Pflegeheim?

Der durchschnittliche Gesamteigenanteil für Heimbewohnende liegt im ersten Jahr laut BARMER Pflegereport 2025 bereits bei über 3.100 Euro im Monat – und steigt bis 2027 auf rund 3.500 Euro.

Warum ist der Kostendruck ein Personalthema?

Personal ist der größte Kostenblock in der Pflege. Eine unbesetzte Stelle bedeutet nicht belegbare Plätze oder teure Zeitarbeit; eine Fehlbesetzung macht Gewinnungs- und Einarbeitungskosten zunichte. In einem System mit nur 71 Prozent Kostendeckung schlägt beides direkt auf die Wirtschaftlichkeit durch.

Wie senkt effizientes Recruiting die Kosten?

Eine messbare, zielgenaue Personalgewinnung besetzt Stellen schneller, senkt die Abhängigkeit von teurer Zeitarbeit und vermeidet die doppelten Kosten von Fehlbesetzungen. Gerade bei knappen Mitteln zahlt sich das aus – jeder wirksam eingesetzte Euro entlastet das enge Budget.

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